Flucht vor dem Wind

Mitten in der Nacht werden wir beide munter. Starke Windböen rütteln am Esel und sorgen für ein ganz mulmiges Gefühl. Draußen ist es noch dunkel und Sterne sind am Himmel zu sehen. Aber der schöne Platz auf der Wiese ist wohl bei diesen Windböen doch zu exponiert. Wir sind uns ziemlich schnell einig: Das hier ist kein Schlafplatz, das ist ein Windkanal mit Aussicht.

Also: Abbruch. Um 3 Uhr nachts, bereits Sommerzeit, rollen wir den „Esel“ vorsichtig den holprigen Weg hinunter. Mehr schaukeln als fahren, aber immerhin mit Ziel vor Augen: irgendwo da unten, wo es weniger bläst und wir nicht wie ein Cocktail durchgeschüttelt werden.

Im Ort finden wir schließlich einen Parkplatz beim Supermarkt, direkt neben einem LKW. Ich denke mir: Wenn der stehen bleibt, bleiben wir auch stehen. Es windet zwar immer noch, und gelegentlich prasseln kleine Steinchen gegen den Esel – vermutlich gratis Peeling für den Lack – aber wir schaffen es tatsächlich, noch ein bisschen zu schlafen.

Zurück auf den Traumplatz

Der Morgen begrüßt uns dann eher rustikal: Mofas statt Meeresrauschen, Autos statt Vogelgezwitscher. Ein Frühstück an der Küste? Vergiss es. Für Camper überall Parken verboten und Wind immer noch im Sturm-Modus. Die See ist aufgewühlt, denn der Wind bläst die Gischt zurück aufs Meer. 

Schließlich fahren wir einfach wieder hoch auf den Berg. Diesmal bei Tageslicht – dann sieht man wenigstens, wo es einen durchschüttelt.

Gesagt, getan. Wieder die Rumpelstrecke hoch, diesmal mit Aussicht statt Nervenkitzel. Oben angekommen: Überraschung – es windet immer noch wie verrückt. Aber im hellen ist man ja plötzlich mutig. Wir parken wie in der Nacht zuvor, steigen aus und denken: Eigentlich ganz schön hier.

Die Aussicht ist grandios, also erst mal Fotos machen – man will ja festhalten, wo man fast übernachtet hätte. Danach gibt’s Frühstück und für das Geburtstagskind sogar ein Teelicht sowie ein Geschenk. Ich sag mal so: Luxuscamping auf schwankendem Untergrund.

Um 11:30 Uhr treten wir den Rückzug an – auf dem Berg ist es einfach zu windig. Weiter geht’s Richtung Westen auf der D3, den Spuren unserer Busreise von vor drei Jahren folgend. Der Wind ist übrigens immer noch dabei. Entweder verfolgt er uns, oder wir fahren ihm direkt entgegen. Ich tippe auf beides.

Weiter nach Frankreich

In Saint-Laurent-de-Cerdans nutzen wir die örtliche Entsorgungsstation. Danach gönnen wir uns auf dem Parkplatz nebenan eine wohlverdiente Mittagspause.

Weiter geht’s über kurvige Straßen Richtung Westen, bis wir gegen 15:30 Uhr in Prats-de-Mollo-la-Preste ankommen. Stellplatz direkt gegenüber der Stadtmauer – und die Stadt liegt da wie aus dem Bilderbuch, mit Burg oben drauf. Fast zu schön, um wahr zu sein. Und vor allem: weniger Wind!


Prats-de-Mollo-la-Preste

Wir schlendern durch enge Gassen, über Kopfsteinpflaster und Treppen – alles sehr charmant und erfreulich windstill. Auf einer Bank in der Sonne legen wir eine Pause ein, bevor wir zurück zum Esel gehen.

Dort sitzen wir dann, schauen auf neue Nachbarn, die langsam angehende Beleuchtung des Ortes und denken uns: Heute Nacht könnte es tatsächlich ruhig werden. Kein Schaukeln, kein Steinschlag, kein nächtlicher Abstieg.


Die Nacht auf dem Wohnmobilplatz von Prats-de-Mollo-la-Preste war tatsächlich ruhig. Nach dem ersten Kaffee duschen wir im Esel. Danach gibt es Frühstück – und stellen fest: Wir brauchen Brot. Der nächste größere Supermarkt liegt 13 km Luftlinie entfernt, – in Spanien. Mit den kurvigen Bergstraßen sind es eher 30 km.

Obwohl viel Windbruch an der Straße liegt ist die Strecke angenehm zu fahren. Unterwegs teste ich die Drohne und stelle fest, dass meine neue Fernsteuerung anscheinend doch etwas Internet braucht – ich habe noch drei Starts, danach bleibt die Drohne am Boden.

Wieder in Spanien

In Camprodon finden wir einen Supermarkt und Parkplatz – mit Schranke. Ich ziehe ein Ticket, manövriere vorsichtig mit dem 6,85 Meter Camper auf den engen Parkflächen und lasse die Frau zum einkaufen aussteigen. 

Der Markt ist zweigeschossig und etwas unübersichtlich, aber am Ende klappt alles: Brot liegt in verschiedenen Gängen, es gibt griechischen statt Vanillejoghurt, und – frische Erdbeeren – passt.

An der Kasse wird das Parkticket eingezogen, der Bon dient später zur Ausfahrt. Währenddessen habe ich am Rand geparkt und nutze die Zeit, um neue Ziele zu planen. Das Navi schlägt natürlich den direkten Weg durch den Ortskern vor, aber ich entscheide mich für die entspanntere Route außen herum.

Endlich in die Berge

Über die GIV 5264 fahren wir nach Norden Richtung Setcases und biegen auf die GIV 5265 nach Tregurà ab. Jetzt geht es auf einer kleinen Nebenstraße hinauf in die Berge. Die Fahrbahn wird enger, die Kurven steiler – aber mit etwas Rangieren komme ich mit dem Esel überall durch. In der 13 Kehre endet unsere Fahrt abrupt: Im Nationalpark sind die Wege noch schneebedeckt. In 2023 hat mich die Straße total begeistert. So gern ich den Pass heute überquert hätte, aber das Risiko ist mir zu groß.

Wir drehen auf engem Raum, finden einen Platz für die Mittagspause und genießen gebratenen Thunfisch mit frischem Baguette und Feldsalat. Zum Abschluss gibt es Erdbeeren – einfach perfekt.

Ein PKW, der oberhalb von uns stand, fährt weg, und ich nutze die Gelegenheit, um rückwärts auf dessen Platz zu rangieren. Die Aussicht ist deutlich besser. Wir richten uns ein, und ich gleiche die Schräglage mit ein paar Steinen unter den Rädern aus.

Doch lange bleiben wir nicht: Der Wind frischt auf, und der Esel beginnt bei jeder Böe zu schaukeln. Für die Nacht wäre das zu unruhig – aus Erfahrung wissen wir, dass so etwas den Schlaf sehr stören kann.

Zurück ins Tal

Also entscheiden wir uns gegen 19:30 Uhr, wieder ins Tal nach Setcases zu fahren und dort einen Stellplatz zu suchen. Den Ort können wir von hier oben sogar sehen.

Die Abfahrt verläuft entspannter als gedacht. Es ist noch nicht ganz dunkel, der Weg zwar holprig, aber gut fahrbar. Die größte Herausforderung wartet erneut in Tregurà: Die enge Haarnadelkurve ist diesmal zusätzlich mit Bänken blockiert, vermutlich zum Schutz frisch reparierter Pflasterstellen.

Eine schmale Durchfahrt bleibt, aber es wird extrem knapp. Die Frau beobachtet die Situation von außen, während ich den Esel Millimeter für Millimeter an der Mauer entlang führe. Es ist so eng, dass ich wegen der Schräglage mit dem Dach fast eine Mauer streife. Schließlich verschieben wir eine der Bänke, um etwas mehr Platz zu schaffen. Mit mehreren Vor- und Rücksetzmanövern gelingt es uns schließlich, die Kurve zu meistern. Wie gut, dass ich die Glühbirnen in den Rückfahrscheinwerfern durch hellere LED ersetzt habe.

Der restliche Weg verläuft unspektakulär. Die Einfahrt zum Stellplatz ist steil, aber problemlos zu fahren. Zwei Wohnmobile stehen bereits auf der Wiese neben dem Sportplatz. Wir parken, verdunkeln den Esel – Feierabend.

Hier unten ist es zwar immer noch windig, aber deutlich ruhiger. Hoffentlich wird es eine erholsame Nacht.