Bis zur Schleuse – und dann 900 Kilometer Richtung Süden

Die Anreise zu unserer Pyrenäen Tour 2026 führt uns schnurstracks von Kassel nach Ottmarsheim – genauer gesagt zur Schleuse im Grand Canal d’Alsace.

Die liegt auf einer kleinen Insel, die man tatsächlich befahren darf – inklusive Übernachten. Solche Plätze liebe ich ja: ein bisschen versteckt, ein bisschen speziell.

Wir stellen den Esel auf den grasbewachsenen Teil unter ein paar Bäume, mit direktem Blick auf Schleuse und Kanal. Der Untergrund ist… sagen wir mal: naturbelassen. Baumwurzeln sorgen für ordentliches Gerumpel, aber genau das gehört dazu. Wenn’s leicht schief steht und ein bisschen knarzt, fühlt es sich gleich mehr nach Abenteuer an.

Die Nacht an der Schleuse von Ottmarsheim war kalt, aber genau das sorgt für diese schönen Sonnenaufgänge. Als ich rausblicke, weiß ich: guter Start. Wir frühstücken in Ruhe, frische Brötchen, alles entspannt – aber im Hinterkopf habe ich schon die Strecke. Heute wird kein gemütlicher Fahrtag, sondern Strecke machen: rund 900 Kilometer bis in die spanischen Pyrenäen.

Ich habe mir vorher die Tankstrategie überlegt: Die Dieselpreise bei TotalEnergies sind gedeckelt. Fester Preis, egal ob Autobahn oder Nebenstrecke – das ist angesichts der aktuellen Versorgungsphase einiges Wert. Also gleich in Ottmarsheim volltanken und dann auf die Autobahn.

Renault 4 an der Tankstelle in Ottmarsheim

Wenn jetzt noch der Fulli Mauttransponder funktioniert, läuft der Tag. – Spoiler: tut er nicht.

Erste Mautstation

Gleich an der ersten Mautstation bei Belfort ist Schluss mit lustig. Schranke bleibt zu, nichts passiert. Kein Piepen, kein Blinken – einfach ignoriert.

Hinter uns stauen sich rasch die Fahrzeuge und die ersten Hupen ertönen. Also Fenster runter, Oberkörper raus, Kreditkarte reinfummeln. Ich komme mir vor wie ein schlecht gelaunter Jahrmarktartist. Rote Ampel, untermalt mit Hupkonzert. Genau mein Humor.

Ich sehe schon, das wird heute nichts mit entspannt durchrollen.

Wir machen uns auf die Suche nach so einem Fulli-Store – vielleicht lässt sich das Problem ja elegant lösen. Es gibt einen am Rasthaus bei Écot. Klingt gut, ist sogar ausgeschildert. Wir fahren hin… und natürlich: der eigentliche Service ist übers Wochenende zu. Klar. Shop offen, bisschen Gastro, aber das bringt mir genau gar nichts. Also ab jetzt jedes Mal Ticket ziehen und zahlen. Nervig, aber hilft ja nichts.

Immerhin: keine langen Schlangen. Es läuft, wenn auch hakelig.

Die Strecke lässt sich angenehm fahren, und die Rastplätze sind überraschend gut. Großzügig, grün, und vor allem mit extra Bereichen für Wohnmobile. Da fühlt man sich direkt willkommen.

Südlich von Dole legen wir eine Pause ein. Zweites Frühstück – Lachs mit Ei aus der Ostertüte. Kann man schlechter treffen.

Diesel tanken

Nach der Pause geht’s weiter, und ich habe das nächste Thema im Kopf: Tanken. Ursprünglich war dies in Orange geplant, aber dieses ständige Rein und Raus wegen der Maut möchte ich umgehen. Also doch lieber direkt an der Strecke. Blöd nur: Die nächste passende TotalEnergies-Tankstelle liegt zu weit weg. Und alles andere… sagen wir mal: ambitionierte Preisgestaltung. Shell, Esso und BP rufen Preise auf, bei denen man kurz überlegt, ob man nicht einfach den Wind nutzen sollte.

Also runter bei Bollène. Laut Karte gleich zwei Optionen – perfekt.

Erste Sichtung: Intermarché, 2,24 €. Eigentlich okay. Aber direkt gegenüber eine Total mit 2,09 € – also nichts wie hin. Und dann: Dieselzapfsäule gesperrt – kein Diesel verfügbar.

Gut, dann eben zur zweiten Total. Ist ja gleich um die Ecke.
Ist sie auch. Und halb Frankreich steht schon da.

Ich versuche es noch clever, fahre ein bisschen durch die Stadt, suche Alternativen. Quäle mich durch enge Straßen mit viel Verkehr und wenig Übersicht – Am Ende lande ich wieder genau da, wo ich nicht hinwollte: bei der Tankstelle mit der Warteschlange. Na gut. Anstellen. Hilft nichts..

Natürlich ist die schnellere Spur auf der falschen Seite – unser Tankstutzen ist ja schließlich nicht da, wo er jetzt praktisch wäre. Also anstellen, warten, Geduld üben.

Bald können wir tanken.

Währenddessen macht die Frau in der Küche einen Obstsalat. Multitasking

Der Wind bläst

Irgendwann sind wir durch, und es geht weiter Richtung Süden. Von landeinwärts bläst der Mistral und zerrt permanent am Esel. Hier spüre ich zum ersten Mal wie der Seitenwindassistent arbeitet. Bei 110 km/h wird plötzlich ein einzelnes Rad brachial abgebremst und der Esel wieder auf Spur gebracht. So geht das jetzt andauernd bis zur spanischen Grenze.

Die letzte französische Mautstation summiert den Spaß auf etwa 140 Euro. Frankreich lässt sich das Reisen auf der perfekten Autobahn gut bezahlen. Dann sind wir durch – Spanien. Und direkt ein anderer Eindruck: Blick auf die Pyrenäen, Schnee auf den Gipfeln.

Plötzlich eine Warnmeldung

Kurz darauf: Alarm auf dem Handy. Laut, penetrant. Erstmal erschrecken. Dann kapieren wir: Wetterwarnung, auf Spanisch. Irgendwas mit starkem Wind, morgen den ganzen Tag. Keine unnötigen Autofahrten, Häuser nicht verlassen. Ich denke mir schon: super Timing.

Unser Ziel liegt bei Figueres, irgendwo oben auf einem Hügel. Klingt erstmal gut – Aussicht und so. Aber wenn Wind kommt…

Vorher nochmal tanken – diesmal für 1,73 €. Wenigstens eine kleine Genugtuung an dem Tag.

Übernachtungsplatz finden

Dann wird die Straße schlechter und schlechter. Irgendwann ist es nur noch ein rumpeliger Weg bergauf. Dunkel, unübersichtlich, Schlaglöcher, Äste – genau die Art Strecke, die man eigentlich nicht nachts fahren will. Aber jetzt sind wir drin, also ziehen wir’s durch.

Oben finden wir eine Wiese mit Bäumen. Ich steige aus, laufe den Platz ab. Sicher ist sicher. Man weiß nie, wie tragfähig das ist oder ob irgendwo ein Loch lauert. Wir parken ein. – Aber irgendwie bin ich noch nicht überzeugt.

Ich schaue mich weiter um, gehe ein Stück bergauf – und dann sehe ich es: weiter oben, freier, ohne Bäume. Und dieser Blick. Selbst im Dunkeln sieht man schon die Lichter unten und dahinter das Meer.

Also wieder einsteigen, nochmal die Piste hoch – und dann stehen wir da. Freie Fläche, nichts im Weg, Blick bis zum Mittelmeer. Genau so hatte ich mir das vorgestellt.

Es ist nach 20 Uhr, wir sind seit 12 Stunden unterwegs. Der Sonnenuntergang ist weg, aber egal. Morgen früh wird das hier explodieren – Licht, Meer, Berge.

Der Esel wackelt schon ordentlich im Wind. Türen muss man festhalten, sonst reißen sie einem fast aus der Hand. Es pfeift und heult. Ich denke an die Warnung. Freistehend, exponiert – genau das, wovor sie gewarnt haben.

Aber jetzt stehen wir hier. Und ehrlich: Für diesen Ausblick nehme ich das erstmal in Kauf.