Richtung Schweden: Auf der Suche nach klaren Nächten

Da sich das Wetter nicht besserte, entschieden wir uns, weiter nach Norden zu fahren um nach Schweden zu wechseln. Unser Ziel war die Region um Gällivare.

Die Strecke dorthin war lang und teilweise eintönig, hatte aber ihren eigenen Rhythmus. Wenig Verkehr, lange gerade Abschnitte, immer wieder Rentiere am Straßenrand, die sich nur langsam entfernen.

Mit zunehmender Strecke wurde das Wetter besser. Die Wolkendecke lockerte auf, erste größere Lücken entstanden, und schließlich zeigte sich auch mal ein klarer Himmel.

Unser Ziel ist der Hausberg von Gällivare, der Dundret. Er liegt südlich des Stadtzentrums und ist 823 Meter hoch. Oben angekommen richteten wir uns ein. Der Platz bot eine gute Sicht, wenig Lichtverschmutzung und ausreichend Raum. Kamera und Stativ wurden vorbereitet, warme Kleidung lag bereit, – aber es gab leider kein Nordlicht.


Gegen 12 Uhr fuhren wir wieder vom Berg hinunter und zurück auf die E10 – ein Abschnitt, der sich fast schon vertraut anfühlte, obwohl wir mitten in Lappland unterwegs waren. Ich hatte noch die Idee, die Waage mitzunehmen, die wir auf der Hinfahrt gesehen hatten. Einfach um zu wissen, wo wir stehen.

Beim letzten Mal lagen wir etwa 80 kg über dem Soll – mit 4.200 Kg Gesamtgewicht nicht dramatisch, aber schon in der Kategorie „gut gefüllt unterwegs“. Diesmal war es etwas entspannter, aber immer noch spannend genug: rund 40 kg zu viel.

Weiter ging es Richtung Jokkmokk, also wieder ein Stück zurück über Gällivare. Genau diese Strecken machen für mich den Reiz aus: lange, ruhige Abschnitte, kaum Verkehr, viel Landschaft. Unterwegs hielten wir kurz an einem Rastplatz – Entsorgung, ein paar Handgriffe, und die Frau nutzte die Pause für Fotos. Dann ging es weiter auf die kleine Straße BD822 Richtung Nattavaara.

Sobald man dort abbiegt, verändert sich die Stimmung spürbar. Die Straßen werden schmaler, die Welt ruhiger. Moorige Flächen, Wälder, kleine Seen – und kaum noch jemand unterwegs. Genau dieses reduzierte, weite Finnland und Schweden ist es, das diese Reise so besonders macht.

Das Wetter war zwar wechselhaft, aber nicht unfreundlich. Immer wieder Regen, dann wieder kurze helle Momente. Schließlich landeten wir am kleinen Bahnhof von Nattavaara. Ein schlichter Schotterplatz direkt an den Gleisen – nichts Spektakuläres, aber genau richtig für eine entspannte Pause. Es hatte etwas angenehm Ruhiges, fast Zeitloses.

Während die Frau das Essen vorbereitet, habe ich schon nach einem Übernachtungsplatz geschaut – eher spielerisch als hektisch, denn wir hatten Zeit. Und der Platz ließ sich schnell finden: ein kleines Seengebiet in der Nähe, über Waldwege erreichbar. Einer dieser Wege führte bis ganz ans Ende, direkt ans Wasser. Dort stellten wir uns hin.

Im Sommer wäre das vermutlich ein belebter, vielleicht mückenreicher Ort gewesen. Jetzt, bei frischer, klarer Luft und nur wenigen Grad über Null, war es ruhig und angenehm leer.

Im Esel wurde es schnell warm. Kaffee, ein Stück Käsekuchen, und dieses typische Gefühl am Ende eines Fahrtages: Alles ist erledigt, nichts drängt mehr, und der Platz passt genau so, wie er ist.


Die Sonne kämpfte sich immer wieder durch die Wolken, und plötzlich war sie da – dieses klare Blau, das man im Norden sofort anders wahrnimmt als weiter südlich. Die Landschaft wirkte sofort freundlicher, offener, fast leichter. Wir sind in verschiedene Richtungen losgestromert, haben einfach geschaut, fotografiert und die kurze Wetterbesserung ausgenutzt. Es ist erstaunlich, wie viel wärmer es sich anfühlt, sobald die Sonne rauskommt – trotz der eigentlich niedrigen Temperaturen.

Irgendwann kam der ganz praktische Teil des Tages: Wir haben kein Brot mehr. Glücklicherweise gibt es in Nattavaara tatsächlich noch einen kleinen Gemischtwarenladen, einen „Handlar’n“. Kein großes Sortiment, aber genau das, was man braucht. Also kurzer Abstecher, Brot und Milch eingekauft, und schon waren die nächsten Tage gesichert.

In Nattavaara hatten wir dann noch eine dieser typischen Nordland-Begegnungen: Ein seltsam wirkender LKW stand direkt am Beginn der asphaltierten Straße. Erst dachte man kurz an eine Panne, aber schnell wurde klar – der war gerade dabei, Fahrbahnmarkierungen aufzubringen.


Danach begann die eigentliche Suche des Tages: ein Platz mit freiem Blick nach Norden. Denn die Hoffnung war klar – vielleicht zeigt sich in der kommenden Nacht von Samstag auf Sonntag noch einmal das Nordlicht. Also fuhren wir langsam die BD818 entlang, immer wieder abzweigend auf kleine Seitenwege, die vielversprechend aussahen. Dieses systematische „Vielleicht ist es hier“ gehört irgendwie dazu – man weiß erst am Ende, ob es wirklich passt.

Ein Platz hatte dann tatsächlich richtig Potenzial: eine große, fast runde Fläche, vielleicht 50 Meter im Durchmesser, mit freiem Blick in alle Richtungen und deshalb sofort interessant.

Zwischendurch wurde es richtig schön: Die Sonne stand wieder höher, das Licht wurde intensiver, und am Luleälven-Stausee mussten wir einfach anhalten. Das Wasser lag ruhig, die herbstlichen Farben spiegelten sich darin, und für ein paar Minuten war das einer dieser klassischen „einfach stehen bleiben“-Momente. Eigentlich wäre das schon ein perfekter Übernachtungsplatz gewesen, aber wir wollten noch weiter schauen.

Also wieder rein, weiterfahren, testen, drehen, abbiegen. Ein Schotterweg entlang des Ufers wirkte schließlich vielversprechend. Und tatsächlich: Nach zwei Kilometern fanden wir eine kleine Ecke, mit freiem Blick nach Norden und gleichzeitig noch Sonne im Gesicht.

Jetzt hatten wir ein paar alternative Plätze und diese schönen Übernachtungsplatz. Genau so mag ich das.

Kurz vor dem Schlafengehen hatte ich noch einmal kurz aus dem Dachfenster geschaut – eher aus Gewohnheit. Und da war es: ein schwacher grüner Schimmer am Himmel. Klamotten über den Schlafanzug, Kamera und Stativ geschnappt, und schon standen wir draußen in der kalten, klaren Nacht.

Der Mond war sehr hell, ein paar Wolken zogen durch, aber dazwischen leuchtete deutlich Grün am Himmel. Nicht spektakulär stark, aber eindeutig sichtbar. Mein allererster Schuss aus dem Dachfenster leider das beste Bild.


Nordlicht: Der Moment, auf den man hofft

Der Tag begann ungewöhnlich sonnig – richtiges Nordlicht-Wetter hätte man später fast sagen können. Sobald die Sonne durchkam, war es sogar angenehm warm, auch wenn die Temperaturen selbst eher bei „Jacke bleibt an“ lagen. Nach dem Frühstück mit Ei und Speck haben wir den Tag draußen verbracht, fotografiert und einfach die klare Luft genossen.

Die Frau hat dabei Blaubeeren entdeckt und sich sofort ein kleines Döschen organisiert Ich habe derweil Tisch und Stühle in die Sonne gestellt. So haben wir eine ganze Weile draußen verbracht, bis es langsam wieder frischer wurde.

Zum Mittag habe ich Bratwürstchen gemacht. Später habe ich noch ein Lagerfeuer versucht – das Holz war allerdings ziemlich feucht, also hat es gedauert, bis es wirklich brannte.

Im Laufe des Nachmittags habe ich immer wieder Wetter- und Nordlichtprognosen gecheckt. Die Aussichten wurden leider nicht besser, eher mehr Wolken und mögliche Niederschläge. Gegen 20 Uhr war klar, dass unser Platz hier keine gute Chance mehr bietet.

Also kurzer Entschluss: zurück Richtung Nattavaara auf die große Lichtung, die wir als Ausweichplatz im Kopf hatten. Rund 40 Kilometer über eine einsame, dunkle Strecke. Es war ruhig, kaum Verkehr, nur zwei entgegenkommende Autos und ein paar Hasen am Straßenrand.

Am neuen Platz angekommen haben wir uns eingerichtet und begonnen zu warten. Immer wieder raus, Himmel checken, wieder rein – dieses typische „Vielleicht passiert gleich was“-Spiel.

Dann habe ich gegen Abend tatsächlich schwache grüne Streifen gesehen. Ich bin sofort raus, aber als die Frau fertig angezogen war, war es schon wieder vorbei. Zu schwach, zu kurz – das hat noch nicht gereicht.

Also weiter warten.

Und dann, kurz nach 23 Uhr, kam der Moment. Ich habe nur gesagt: „Da ist es!“ – und in Sekunden waren wir draußen.

Und dann hat es sich komplett entwickelt. Der Himmel hat angefangen zu leuchten, richtig intensiv grün, deutlich stärker als alles vorher an diesem Tag. Nicht nur ein Streifen, sondern eine richtige Bewegung am Himmel, als würde sich das Licht verändern und verschieben.

Die Frau war so beeindruckt, dass sie fast gar nicht zum Fotografieren kam – was ich gut verstehen kann. Das erste Schauen war in dem Moment wichtiger als jedes Bild.

Das Nordlicht hat sich immer wieder neu aufgebaut, Wellen gebildet, sich verzogen, wieder verstärkt. Rund eine Stunde lang ging das so, dann wurde es langsam schwächer.

Als wir wieder im Esel waren, waren wir beide ziemlich durchgefroren, aber sehr zufrieden. Schlaf war erstmal kein Thema mehr – wir haben direkt die ersten Fotos angeschaut. Ein Erlebnis, das man so nicht planen kann, sondern einfach mitnimmt, wenn es passiert. Nach dieser Nacht habe ich die eine Woche Regen in Finnland fast vergessen.


Obwohl wir spät ins Bett gegangen waren, war ich schon vor 8 Uhr wieder wach. Wir strahlten uns an und ließen die aufregenden Nordlicht-Momente noch einmal Revue passieren.

Nach dem Frühstück bei geöffneter Schiebetür – die Sonne knallte bereits kräftig herein – starteten wir Richtung Jokkmokk. Es wurde getankt, eingekauft und ein paar nette Worte mit den ersten Grand California Fahrern gewechselt, die wir bisher auf all unseren Reisen getroffen haben.

Ursprünglich wollte ich zum Storforsen, den beeindruckenden Stromschnellen. Doch wollte ich auch gern Fotos machen, auf denen sich das Nordlicht im Wasser spiegelt. Also Planänderung.


Wir verließen die E45 und probierten verschiedene Wege aus. Mal versperrte eine Schranke die Zufahrt, mal waren die Stellmöglichkeiten zwischen den hohen Bäumen wenig attraktiv, mal war es sumpfig oder der Himmel zu sehr verdeckt.

Am Ende landeten wir an einem abgelegenen Picknick Platz mitten im Nirgendwo. Ein kleiner Steg führte über einen See zu einer Feuerstelle mit Unterstand, Grill und trockenem Holz. Hier kam kaum jemand vorbei, und der Blick war auch ganz ordentlich. Wir würden sehen, ob das passte.

Und wie es passte! Es leuchtete wieder grün um uns herum. Ich ließ die Drohne steigen, aber beim prüfen der Fotos unterlief mir ein Fehler und ich beschränkte mich danach auf Fotos vom Boden aus. Nachträglich etwas ärgerlich, denn da wäre viel mehr möglich gewesen.

Wir standen auf dem Steg und fotografierten drauflos – inklusive Spiegelungen im Wasser. Zwar war es etwas wackelig, besonders wenn man nach oben schaute, aber wir bewegten uns möglichst vorsichtig. Diesmal waren wir auch deutlich besser eingepackt – es war wieder ziemlich kalt, und am Seeufer begann das Wasser bereits zu gefrieren.

Nach über einer Stunde ließ das Leuchten langsam nach, und wir zogen uns zum Aufwärmen in den „Esel“ zurück. Dort aßen wir auch gleich etwas – die Frau hatte Rentierschinken gekauft, sehr lecker.

Ich behielt den Himmel im Blick, und plötzlich ging es wieder los: raus und schauen! Es war wirklich ein beeindruckender Anblick – dieses tanzende, leuchtende Licht zwischen Sternen und dem hell strahlenden Mond.

Das Spektakel ebbte wieder ab, wir gingen zurück in den Esel. Doch kaum waren wir drin, begann es erneut zu leuchten, und wir gingen ein drittes Mal hinaus. Diesmal blieb die Frau oben beim Esel, während ich zum Steg hinunterging. Von oben hatte sie nicht die perfekte Rundumsicht – viele Bäume, wenig freie Fläche –, aber dafür bekam ich unten meine gewünschte Wasserreflexion mit intensivem Nordlicht.

Die Fotoausbeute war sehr erfreulich, wir waren beide zufrieden. Und später im Bett konnten wir sogar noch Nordlicht durch das Dachfenster sehen.



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